Martin Zingsheim
am 08.03.2025 in der Baulandhalle
Der Kabarettist Martin Zingsheim eröffnet in Osterburken mit „normal ist das nicht“ das aktuelle Programmjahr der Kulturkommode
Wortakrobat trifft auf Gesellschaftskritik – Ein Plädoyer fürs Nichtnormalsein
Das mittlerweile 28. Jahresprogramm der Kulturkommode Osterburken startete nicht nur mit einem vielfach preisgekrönten Kabarettisten, sondern mit der Besonderheit, dass der erste Vorsitzende des Kleinkunst- und Kulturvereins, Michael Pohl, seine gewohnten „warmen Worte“ in einer im Vorfeld KI-generierten Swing-Version präsentierte. Das veranlasste Martin Zingsheim zu Beginn seines Auftritts zu dem humoristischen Seitenhieb, dass in einigen Jahren womöglich die Ansagen spannender werden als das Programm selbst. Womit er direkt beim thematischen Kern war, der den Abend durchziehen sollte: „normal ist das nicht“ heißt das Programm des Kölner Kabarettisten, in dem er die Absurditäten beleuchtet, die unsere heutige Zeit hervorbringt und gleichzeitig verdeutlicht, dass Vieles, was in der Gesellschaft als normal gilt, längst nicht als so selbstverständlich angesehen darf, wie es zu sein scheint. Wie normal sei es zum Beispiel, dass die meisten Medikamente bis heute ausschließlich an Männern getestet werden und wie sehr sollte man der Meinung von Menschen vertrauen, die in der Corona-Zeit noch vermeintlich mit medizinischer Fachkenntnis glänzten und sich nun plötzlich als Militärstrategen hervortun. Überhaupt sollte man vorsichtig sein mit Gesprächspartnern, die sich ihr gefährliches Halbwissen aus dem Internet ziehen oder dies damit untermauern wollen, dass sie irgendwo eine spannende Studie zum passenden Thema gelesen haben – nicht ohne gerade das als Running Gag durch das gesamte Programm zu ziehen.
Doch nicht nur mit Worten weiß Zingsheim gekonnt umzugehen, er beherrscht auch die schwarz-weißen Tasten und liefert deswegen im titelgebenden Song weitere Beispiele für offensichtliche Abweichungen von der vermeintlichen Norm. Überhaupt war die Musik Martin Zingsheims früheste Leidenschaft. Als promovierter Musikwissenschaftler ist er auch heute noch der sinfonischen Musik tief verbunden und bietet nicht zuletzt mit seinem wöchentlichen Podcast im WDR „Zingsheim geigt rein“ einen wilden Mix aus feinster Klassik und kritischer Satire. Klingt komisch? Ist es auch. Reinhören lohnt sich! Politisiert hat sich Zingsheim erst über den Umweg Bühne. Beim Kabarett stelle man sich unweigerlich die Frage: Was beschäftigt mich, was regt mich auf? Witze entstünden oft aus empfundenen Ungerechtigkeiten oder einem gewissen Problembewusstsein. Doch auch durch seine vier Kinder nehme er den Zustand des Planeten und die bestehenden Probleme viel ungefilterter wahr. Wie wäre es – so sein Vorschlag – wenn die Politik nicht nur negative Schlagzeilen erzeugen, sondern beispielsweise mit 25 % Steuerermäßigung pro Kind mal was Positives beschließen würde. Zumindest für ihn persönlich wäre das dann schon eine lohnenswerte Sache. Das Neun-Euro-Ticket, mit dem die Leute glücklich mit dem Regionalzug aufgrund des Zustands der Bahn in neun Stunden eine Strecke von sagenhaften 30 Kilometern fahren konnten, sei ja schon mal ein guter Anfang gewesen.
Martin Zingsheim weiß sein Programm sehr kurzweilig und erfrischend zu gestalten, weil er völlig unorthodox die verschiedensten Themen nebeneinanderstellt: Nachhaltigkeit („Wie wäre es, wenn man alle veganen Gerichte in Tieren kochen würde, damit man die „Töpfe“ mitessen kann?“), Erziehung und Selbstoptimierungswahn kommen bei ihm genauso zur Sprache, wie eine humorvolle Analyse von Filmmusik oder Beispiele für verrückte Netzwerknamen, die er beim Spazierengehen bei privaten WLANs entdeckt. Er spricht sich für Sportarten wie Asynchronschwimmen und Blessur-Reiten aus und empfiehlt den Kulturschaffenden, sich an den Mannschaftssportarten zu orientieren und Stadionsprecher einzusetzen, um Kultur mehr Gehör zu verschaffen. Mit enormem Sprachgefühl arbeitet sich Martin Zingsheim durch abenteuerliche Satzkonstruktionen und ausgefeilte Wortkaskaden, setzt sich immer mal wieder ans Klavier, wie beim testosterongesteuerten „Ich mach das schon“ und sorgt für Kalauer genauso wie für nachdenkliche Momente, deren bittere Wahrheiten dem Publikum manchmal erst beim Nachhören dämmern. Im Grunde hält Martin Zingsheim in „normal ist das nicht“ mit seiner Mischung aus Musik, Kabarett und Comedy ein unterhaltsames Plädoyer fürs Nichtnormalsein. Und das kommt an – auch an diesem erhellenden Abend in Osterburken.
Text: Martin Hammer
Fotos: Michael Pohl