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Christine Prayon

am 07.10.2017 in der Alten Schule

Einmal mehr ist es dem engagierten Planungsteam der Kulturkommode Osterburken gelungen, mit Christine Prayon eine Künstlerin aus der ersten Kabarettliga für einen Auftritt zu gewinnen. Der mehrfach ausgezeichneten und (nicht nur durch ihre Rolle als Birte Schneider in der ZDF-heute-Show) medienpräsenten Kabarettistin ist es eine Herzensangelegenheit, gezielt auch kleinere Bühnen wie die der Kulturkommode in der Alten Schule zu bespielen, weil sie dort den sehr direkten Kontakt zum Publikum liebt und auch bewusst diese meist ehrenamtlich organisierten Bühnen unterstützt. Das Publikum in Osterburken nahm diese Geste der Kabarett-Größe dankbar an, bereits nach wenigen Tagen war die Veranstaltung ausverkauft.


Wer nun aber ausschließlich Statements zur aktuellen politischen Situation à la Birte Schneider erwartet hat, erkannte im Verlaufe des Abends, dass Christine Prayons Bühnenprogramm weit vielseitiger ist. Gemäß dem Titel „Die Diplom-Animatöse“ zog sie alle Register ihres komödiantischen und darstellerischen Könnens, um die Zuschauer auf teilweise überraschende und ungewöhnliche Art und Weise zu unterhalten.



Richtiges politisches Kabarett brauche sie in Osterburken ja gar nicht zu machen, stellte Prayon zu Beginn fest. Hier sei ja alles in Ordnung und offensichtlich ausnahmslos linkes Publikum anwesend. Auf derartige Seitenhiebe freuen sich die Kabarettfans natürlich. Und so begann sie ihr in zwei völlig unterschiedliche Hälften aufgeteiltes Programm mit einer längeren Lesung aus ihrem „Scarlett-Schlözmann-Zyklus“. In den scheinbar harmlos wirkenden Texten steckt hintergründig viel Scharfsinn und Satire. Sowohl im Schrifttext als auch in den vermeintlichen Abschweifungen der vortragenden Prayon löste ein wohlformulierter und pointierter Satz den nächsten ab.


Nach der Pause kommt Christine Prayon dann als blonde Diva auf die Bühne, entledigt sich, während sie eine deutsche Version von „My Way“ singt, ihrer Verkleidung und so manch überraschender Accessoires und verwandelt sich schließlich in einen einäugigen, zahnlosen Clown. Wer dann noch die Abschmink-Schlussnummer des Travestiekünstlers Georg Preuße, besser bekannt als „Mary“, aus den 80igern kennt, für den entfaltet sich diese überzeichnete Szene in ihrer vollen satirischen Bandbreite. Dank eines aus dem Publikum gereichten Zitronenmelisse-Bonbons röchelt die Prayon schließlich spielerisch ihr Leben aus. Darauf aufbauend jongliert sie in einigen originellen Rückblenden mit zahlreichen verschiedenen Rollen der „Frau P.“, manipuliert, provoziert, imitiert, überzeichnet, demaskiert und demontiert. Spätestens hier kommt ihre Schauspielausbildung zum Tragen; äußerst wandlungsfähig werden Gestik, Mimik und Sprache gekonnt und detailgenau eingesetzt. Fast surreale Züge trägt dagegen gegen Ende die von Prayon in Badeanzug und Schwimmbrille vorgetragene Comedy-Posse „Nussloch“ von Mario Barth, die sie in Form einer „zeitgenössischen Lyrik“ nüchtern und monoton vorliest und dadurch vollkommen in ihrer Inhaltslosigkeit entlarvt.


Auch wenn das Programm vordergründig wenig politisches Kabarett bot - Gesellschaftskritik war unterschwellig und im Detail immer wieder zu erkennen. „Comedy bedient Klischees, Kabarett bekämpft sie“, meint Christine Prayon, und wer genau hinter die Humorfassade der „Diplom-Animatöse“ schaute, versteht, was sie damit meint. In Osterburken sorgte Christine Prayon in jedem Fall für einen Abend, den man nicht so schnell vergisst. Harmlos angetäuscht und klug verwandelt, absurd und präzise, mutig und schlagfertig – und nicht zuletzt sehr unterhaltsam.

Text: Martin Hammer
Fotos: Michael Pohl