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Luise Kinseher

am 13.05.2006 in der Alten Schule

Luise Kinseher

Einen vergnüglichen und dennoch tiefgründigen Grenzgang zwischen Theater und Kabarett präsentierte die Münchener Kabarettistin Luise Kinseher bei der Kulturkommode Osterburken e.V. im Saal der Alten Schule. Ihr Nummernprogramm "Ende der Ausbaustrecke" ist ein Stück voll schwarzem Humor um Leben, Tod und skurrile Frauengestalten, bei dem einem durchaus auch das Lachen im Hals stecken bleiben kann. Jahrelang spielte die studierte Germanistin in einem lokalpolitischen Kabarett in Straubing und an der Münchener Iberl-Bühne, ehe sie vor acht Jahren den Mut zu einem eigenen Kabarettprogramm hatte. Dass sich dieser Schritt gelohnt hat, ist nicht nur am Erfolg beim Publikum abzulesen, sondern auch daran, dass Luise Kinseher sich mit "Ende der Ausbaustrecke" schon einige renommierte deutsche Kabarettpreise erspielt hat.


Der dramaturgische Bogen des Abends beginnt sich mit dem Auftreten der Rahmenfigur Sissi Ott zu spannen. Bayrisch charmant plaudert sie über ihre Kindheit im Altersheim, dem chronisch müden Geliebten ("Schlagzeuger bei den Sattelgruber Hosenknöpf") und den Höhen und Tiefen ihrer Karriere. Als eine der gefragtesten Leichen des deutschen Fernsehbusiness steht Sissi Ott nämlich unmittelbar vor einem Berufsjubiläum: Mit Champagner gedenkt sie ihr 175. Fernsehleichendasein zu begießen. Unpassenderweise wird die Feierlichkeit von einer echten Leiche am Drehort, der Damentoilette einer Autobahnraststätte, gestört. Während sie dahinter schlichtweg Mobbing am Arbeitsplatz vermutet, tauchen fünf weitere Frauen(-rollen) am Tatort auf: Eine Toilettenfrau, die flugs die Handtasche der Toten an sich nimmt und obskure Verschwörungstheorien spinnt. Sie kennt sich aus; nicht nur über die Hintergründe der Toilettentragödie, sondern auch über die Details der Tode von Marilyn Monroe und Lady Di. "Aber mich fragt ja keiner. Ich bin ja bloß ich." Die überdrehte Maskenbildnerin zischt angesichts des Leichenstylings empörte Schönheitsanglizismen in den Raum. Als affektierte Kommissarin hat Luise Kinseher stets hintergründige Lebensweisheiten auf den Lippen und persifliert dabei verblüffend genau so manche bekannte Krimi-Kommissarin.

Eine unerschrockene und resolute norddeutsche Touristin hätte auf dem Weg in den Urlaub eigentlich nur mal kurz müssen. In Ermangelung dieser Aussicht plappert sie unverhohlen über die Schwächen ihres Mannes Heinz und ihre Vorsorge für den eigenen möglichen Urlaubstod: Sie kocht den Leichenschmaus, Rinderbraten mit Rotkohl, seit 18 Jahren vor. Einzig für die österreichische Bestattungsunternehmerin, deren Monopol sich auf alle Autobahnleichen in der Umgebung erstreckt, ist die Ermordete ein Glücksfall.

Als die Tote allerdings plötzlich im Requisitenfundus des TV-Teams verschwindet, ergreift Sissi Ott die Gelegenheit und leiht sich mit Hilfe der inzwischen in ihrem Besitz befindlichen Handtasche kurzerhand deren Identität. Spätestens hier wird dem Zuschauer klar, wie sehr die Schicksale dieser beiden Frauen von Anfang an miteinander verwoben waren.



Fiktion und Realität, Fernsehen und Leben haben sich bis dahin in diesen eigenwilligen Sozialstudien längst verflochten, und so mancher Handlungsstrang schließt sich am Ende auf überraschende Weise wieder.

Mit ihrer hervorragenden Beobachtungsgabe, der Fähigkeit, mit sparsam eingesetzten Mitteln die unterschiedlichsten Charaktere überzeugend darzustellen und einer gehörigen Portion Wortwitz gelingt Luise Kinseher eine niveauvolle Mediensatire – durchaus nicht ganz leicht verdaulich, ohne übertriebene Schenkelklopfer-Pointen und dennoch zu jeder Zeit äußerst unterhaltsam.


Text: Martin Hammer
Photos: Michael Pohl