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Ferruccio Cainero

am 12.05.2007 in der Alten Schule

Selten hatte die Kulturkommode einen Künstler zu Gast, dem das Publikum buchstäblich so an den Lippen hing wie dem Geschichtenerzähler und Kabarettisten Ferruccio Cainero bei seinem Auftritt in Osterburken. Voller Poesie, Leidenschaft und enorm viel Fantasie zog der in der Schweiz lebende gebürtige Italiener die Zuschauer im Saal der Alten Schule in seinen Bann. Sein feinsinniger Humor baut dabei nicht auf Schenkelklopfer sondern auf Anekdoten, die, mit viel Herz und Charme vorgetragen, auf wunderbare Weise die gesamte Gefühlspalette bedienen.


Er fühle sich eigentlich als Sancho Panza, so Cainero zu Beginn seines Programms "Windmühlen", und in dieser Rolle des unbedarften aber treuen Knappen sah er sich in seiner Kinder- und Jugendzeit stets an der Seite verschiedener Don Quijotes, die ihn durch ihren Mut zum Unkonventionellen und der Fähigkeit zu träumen, nachhaltig beeindruckt und beeinflusst haben. Die Windmühlen, die es zu bekämpfen gilt, zogen sich wie ein roter Faden durch den Abend, und sie können völlig unterschiedlich aussehen: Durch Kriege erlittenes Leid, der Identitätsverlust in der globalisierten Welt und die zahllosen Ungerechtigkeiten unserer Zeit sind Dinge, die der Kabarettist immer wieder kritisch aufgreift.



Cainero jedoch ist kein zynischer Ankläger; er ist ein großartiger Erzählkünstler, dem es auf höchst köstliche Art und mit italienischer Leichtigkeit gelingt, die Absurditäten des Lebens aufzuzeigen. Dabei öffnet sich ab und zu eine Falltür und zeigt menschliche Abgründe, doch mit einem eleganten Sprung rettet er sich in die nächste Geschichte. Es sind meist liebevolle Erinnerungen aus seiner Jugend in Udine an all diejenigen Charaktere, die versuchten, mit viel Optimismus ihr Leben zu meistern. Da ist zum einen seine Familie, die sich lange mit der Hoffnung tröstete, der Urgroßvater sei nicht bei der Sprengung einer Brücke im Ersten Weltkrieg umgekommen, sondern hätte die Gelegenheit ergriffen, um nach Venezuela auszuwandern. Den ersten Motorroller "aus fünfter Hand" erklärte er kurzerhand zu seinem Pferd Rosinante, wenn es auch durch seine Eigenwilligkeit wohl eher einem Esel glich. Seine Kindheit mit all den Träumen und den Abenteuern schildert er so eindrucksvoll, dass man hin- und hergerissen ist zwischen Schmunzeln und Ergriffenheit. Oftmals ist es jedoch Skurriles, das im Gedächtnis haften bleibt, wie zum Beispiel der Anstreicher, der mit seiner gesamten Ausrüstung auf dem Fahrrad, einem Ritter gleich, mit der Leiter als Lanze, durch das Dorf fuhr und so manchen Unfall verursachte. Urkomisch auch die Episode, in der Cainero als Aushilfe auf dem Bau seinem Chef Othello das Leben unfreiwillig schwer machte.


Eigentlich ist es dann auch egal, ob die Geschichten tatsächlich Erlebtes oder raffiniert Ersponnenes wiedergeben, denn alles ist mit soviel Hingabe erzählt, dass man es einfach glauben möchte. Mit großer schauspielerischer Leistung vermochte Ferruccio Cainero durch mitreißende Gestik und Mimik seine Anekdoten noch lebendiger zu machen. Sich selbst mit der Gitarre begleitend, streute er Lieder auf italienisch in sein Programm, welche zum Teil Kindheitserinnerungen sind, die aber dennoch zum Widerstand gegen Ungerechtigkeiten und Engstirnigkeit aufrufen.



Mit Witz und Scharfsinn zeichnet der Ausnahmekünstler ein ergreifendes Bild der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und segelt intelligent und mit wohltuender Einfachheit virtuos zwischen purer Unterhaltung und berührender Dramatik durch die Zeit zwischen Gegenwart und Vergangenheit, stets auf der Suche nach dem bestimmten Etwas, nach dem Faden, den es an folgende Generationen weiterzugeben gilt. "Wie können wir weitergehen, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen?" – ein Satz, der bei Cainero große Bedeutung erfährt. Dennoch lebt er nicht nur im Gestern, sondern zeigt auf, dass es sich auch heute noch lohnt, Träume zu haben. Und so ist schließlich er, der unbedeutende Sancho Panza, es, der den desillusionierten Don Quijotes der Gegenwart aufzeigt, dass es sich lohnt, stets mit Herz und Fantasie den Kampf gegen die Windmühlen unserer Zeit aufzunehmen.

Text: Martin Hammer
Photos: Michael Pohl